Dieses verdammte Erbe!

Marie-Hélène Lafon wendet sich in Hors champ erneut den gebeutelten Bauern ihrer Heimatregion zu

Veröffentlicht am
31.3.2026
Gregor Schuhen

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
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An den Ästen eines alten Ahornbaums vor dem Bauernhof hängt eine Schaukel. Auf ihr sitzt die kleine Claire und genießt die kindlichen Freuden des Hin- und Herfliegens. Etwas weiter entfernt sitzt ihr elf Monate jüngerer Bruder Gilles auf einer Mauer und starrt gedankenversunken vor sich hin. „Claire spürt, dass er da ist, ohne wirklich da zu sein, so als besitze er die Fähigkeit, aus seinem Körper herauszutreten, wenn er es will oder wenn er Angst hat.“ Diese Szene eröffnet den jüngsten Roman Hors champ von Marie-Hélène Lafon, und sie erweist sich erst im Nachhinein als ein wirklich starker Auftakt: eine Schaukel, zwei Kinder, ein Baum und ein Bauernhof. Nichts könnte harmloser sein, doch in der minimalistischen Prosa Lafons ist nichts unschuldig. Wir kennen die 64-jährige Schriftstellerin bereits aus zahlreichen Romanen als Chronistin der Auvergne, also jener französischen Region, die vor allem für ihre endlosen Weiden, ihre Vulkane und ihre vorzüglichen Käsesorten bekannt ist. Lafons Welt – ihre Heimatregion – ist eine Welt im Wandel, mankönnte auch sagen: im wirtschaftlichen Niedergang. Immer mehr Bauernhöfe verschwinden, werden aufgrund der EU-Agrarpolitik zusammengelegt oder in Ferienwohnungen umgewandelt. Was diese Transformation mit den Menschen macht, die immer schon dort gelebt haben und nicht in die Städte geflüchtet sind, das ist das Lebensthema der französischen Autorin, die selbst ihre Kindheit auf einem solchen Hof verbracht hat. Hors champ fügt dieser Untergangsgeschichte ein weiteres Kapitel hinzu.

Eine Schaukel, zwei Kinder, ein Baum und ein Bauernhof. Wir befinden uns zu Beginn des Romans irgendwo in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren. Die beiden Geschwister Gilles und Claire könnten unterschiedlicher kaum sein: sie, das wissbegierige junge Mädchen, eine glänzende Schülerin, die sich alles merkt und sogar im katholischen Internat Abitur machen wird; er, der stumme Knabe, immer in sich gekehrt, immer in stummer Angst vor dem Vater, der nach der Mindestschulzeit auf dem elterlichen Hof arbeiten muss, um ihn später zu übernehmen. Die Schaukel ist insofern ein starkes Motiv, als sie sowohl den Freiheitsdrang des jungen Mädchens zum Ausdruck bringt als auch auf poetologischer Ebene die Erzählstruktur des Romans vorwegnimmt. Lafon erzählt die zehn Kapitel des Romans abwechselnd aus der Perspektive von Claire oder Gilles – wie eine Schaukel, immer hin und her. Der Ahornbaum wiederum ist der stumme Zeuge jener stillen Dramen, die sich im Verlauf der rund fünfzig Jahre, die der Roman umspannt, auf dem Hof abspielen, ein Symbol des Dauerhaften, Unveränderlichen. Ein halbes Jahrhundert, von dem Gilles an seinem fünfzigsten Geburtstag sagen wird: „Cinquante ans de vie de merde“, fünfzig Jahre Scheißleben.

Auch wenn Lafon in vielen ihrer Romane auf eigene Erfahrungen und Erlebnisse am Hof ihrer Eltern zurückgegriffen hat, ist Hors champs neben dem 2012 erschienenen Les pays (bisher unübersetzt) wohl ihr bislang autobiografischster Roman. In letzterem lernen wir Claire kennen, die für ein Studium in Paris ihre Heimat verlässt und mit ihrem neuen Milieu zu kämpfen hat. Es ist schwer zu sagen, ob es sich bei der Claire in Hors champ um „dieselbe“ Figur handelt – feststeht, dass die Parallelen unübersehbar sind und dass viele biografische Details den Lebensdaten ihrer Schöpferin entsprechen: Wir erfahren aus der Sicht ihres Bruders, dass seine Schwester nun auch Bücher schreibe und dass sie sich in der Nähe des Hofs ein kleines Ferienhaus gekauft habe, wo sie mindestens zweimal im Jahr Urlaub macht. War diese Claire in Les pays noch die Hauptfigur, dient sie im jüngsten Roman jedoch eher als Kontrast- bzw. Reflektorfigur ihres Bruders. Dazu passt, dass Hors champs aus mehreren Kurzgeschichten zusammenmontiert und danach erweitert wurde, die Lafon in den letzten beiden Jahren separat veröffentlicht hat, eine davon unter dem Titel „Vie de Gilles“(2025). Wir kennen die Figuren Claire und Gilles aber auch aus Lafons letztem Roman Les sources (2012, dt.: Die Quellen, 2024) als Kinder eines gewalttätigen Vaters, und tatsächlich bekennt Lafon in einem Interview, dass sie mit Gilles noch nicht fertig gewesen sei (https://www.youtube.com/watch?v=1bnmdbwyMDc).

Trotz der Schaukelmetaphorik ist es also der stille, in sich verschlossene Bruder, der klar im Zentrum der Geschichte steht und von dem wir erfahren, dass er niemals das Licht der Welt erblickt hätte, wenn seine ältere Schwester ein Junge gewesen wäre. Claire war also nicht der erhoffte Erbfolger, der eines Tages den Hof übernehmen würde. Dieses Verdikt des bäuerlichen Patriarchats hat widersprüchliche Auswirkungen auf das Leben der beiden Geschwister: Da Claire von Anfang an nicht als Erbin vorgesehen ist, hat sie deutlich mehr Freiheiten und verlässt die Region, um sich als Lehrerin und Schriftstellerin selbst zu verwirklichen. Gilles hingegen ist zum Bleiben verdammt und leidet von Kindheit an unter dem Joch seines Erbes. Er fürchtet die Gewaltausbrüche seines Vaters, schläft nachts kaum und zieht sich immer mehr in seine emotional vollkommen verkümmerte Innenwelt zurück. Zwei Versuche, sich eine Partnerin zu suchen, scheitern, und so wird aus Gilles einer jener traurigen ehelosen Bauern, von denen Pierre Bourdieu schon in den 1960er Jahren auf erschütternde Weise berichtet hatte. Gilles ist jedoch nicht nur dazu verdammt, sein ganzes Leben auf dem Hof zu verbringen, sondern er muss dieses „Scheißleben“ zusammen mit seiner Mutter und dem verhassten Vater verbringen, der keine Gelegenheit auslässt, seinen Sohn zurechtzuweisen – eine Prügelei zwischen den beiden hat nicht nur psychische, sondern auch gut sichtbare Spuren im Haus hinterlassen.

Das Band zwischen den beiden Geschwistern wird jedoch niemals abreißen, vielleicht ist es sogar der Grund, warum Gilles seinem Leben nicht auch ein vorzeitiges Ende bereitet, wie es sein Jugendfreund Denis getan hat. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Satz, den Claire ihrem jüngeren Bruder einst gesagt hatte, und der im Roman mehrfach wiederholt wird: „Wenn du eines Tages mit all dem hier Schluss machen willst, kannst du auf mich zählen.“ Im Grunde ist beiden nicht ganz klar, was damit konkret gemeint war, und sie werden es vermutlich nie erfahren, da Gilles auch mit 55 noch jeden Morgen die Kühe melkt und sich jede Nacht in seinem Bett hin- und herwälzt. Dennoch wirkt dieser als Aufmunterung gemeinte Satz wie ein Mantra unverbrüchlicher Solidarität zwischen Bruder und Schwester und beweist – zumindest im Kleinen – die Kraft der Wörter, zu der Gilles einen eher intuitiven Zugang hat, während seine Schwester die Sprache zu ihrem Beruf gemacht hat. Dass diese Kraft aber vielleicht auch eine Wirkung auf den zunehmend kraftlosen Bruder hat, deutet der letzte Satz an, einer der wenigen Sätze, die in direkter Rede wiedergegeben werden: „Ich kann nicht mehr, das muss jetzt aufhören.“

 

Hors champ ist ohne Zweifel einer der düstersten Romane von Marie-Hélène Lafon, und man kann wahrlich nicht sagen, dass seine Vorgänger literarische Stimmungsaufheller waren. Immerhin kennen wir die meisten Themen, die Lafon hier bearbeitet, schon aus älteren Texten: neben Les pays und Les sources greift Lafon mithilfe der Figur des Landarbeiters Félix Themen aus Joseph (2014, dt. 2023) auf, das Drama der Ehelosigkeit wurde in L’annonce (2009, dt.: Die Annonce,2020) bereits ausführlich in Szene gesetzt, die allgemeine Zukunftslosigkeit der bäuerlichen Welt wiederum hat Lafon schon 2008 in Les derniers Indiens (unübersetzt) geschildert. Handelt es sich demnach bei Hors champ lediglich um eine weitere Variation desselben Themas? Ja und nein. Die Wiedererkennungseffekte, die sich im Verlauf der Lektüre immer wieder einstellen, sorgen weniger für Langeweile als für ein Gefühl der Vertrautheit. Wir begegnen Figuren wieder, deren offene Schicksale uns nie losgelassen haben, so etwa Joseph, von dem wir nun erfahren, dass er als Landarbeiter im Ruhestand ein zufriedenes Leben im Altenheim führt. Oder Paul aus L’annonce, dem es nicht gelungen ist, seine Beziehung mit der alleinerziehenden Annette zu retten. Und natürlich Claire, die zwar weggegangen ist, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, die aber ihre Bande zur Heimatregion niemals gekappt hat. Dass die Figuren mitunter die Namen wechseln, kann dieses quasi intime Gefühl der Vertrautheit kaum abschwächen – zumal wir uns auch geografisch stets in denselben Weilern und Dörfern des Cantal bewegen, die uns jedes Mal aufs Neueso lebhaft vor Augen geführt werden, so als gehörten wir selbst zu dieser Welt. Marie-Hélène Lafon hat mit ihrem Gesamtwerk einem sozial-geografischen Mikrokosmos ein Denkmal gesetzt, den sie selbst immer wieder mit einer Insel verglichen hat. Es kann gut sein, dass diese Insel eines Tages vom steigenden Meerespiegel verschlungen wird. Dank ihren Romanen werden wir uns jedoch auf ewig an deren Bewohner erinnern.

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