In Radlerhose zur Ekstase

Der neue französische Shootingstar Zaho de Sagazan tourt durch Deutschland

Veröffentlicht am
13.3.2025

Gregor Schuhen

RPTU in Landau
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© Gregor Schuhen

Sollte unser Land je noch einmal in eine Energiekrise rutschen, hätte ich da einen Vorschlag: Man stelle die französische Newcomer-Sängerin Zaho de Sagazan mit Band auf eine Bühne, gebe ihnen ein Schlagzeug und ein paar analoge Synthesizer und lasse sie ihr Bühnenprogramm performen. Die daraus entstehende Energie würde mühelos für den monatlichen Stromverbrauch einer mittleren Großstadt reichen, ja vielleicht sogar durch die Übertragung auf das Publikum für deutlich mehr. Die 25-Jährige tourt gerade mit ihrem – auch in Deutschland – überaus erfolgreichen Debütalbum La symphonie des éclairs durch Europa und tritt Abend für Abend in ausverkauften Hallen auf. Damit ist sie derzeit nach Louis Vuitton, Moët & Chandon und Dior wohl einer der erfolgreichsten französischen Exportschlager. Wobei „Schlager“ es vielleicht nicht ganz trifft, denn ihre Musik ist meilenweit entfernt von den spotifytauglichen 2-Minütern à la Sabrina Carpenter oder Nina Chuba, die derzeit in sämtlichen H&M-Filialen des Planeten auf Heavy Rotation laufen. Zaho singt meistens über die Liebe (was sonst?), über Sex und den Tod (schon etwas gewagter). Ihr Sound bewegt sich irgendwo zwischen 80er-Wave-Pop, 90er-Techno und französischem Chanson. Zwischen Siouxsie and the Banshees, David Bowie, Anne Clark und Barbara. Ihre Refrains sind oft extrem repetitiv und steigern sich zu ekstatischen Höhepunkten, etwa wenn sie in „Aspiration“ immer und immer wieder die wirklich allerletzte Zigarette raucht und das gleich 20-mal hintereinander.

Letzten Donnerstag fand im Täubchenthal, einer ehemaligen Fabrikhalle im Leipziger Westen, eines ihrer Deutschlandkonzerte statt. Schon seit Wochen gab es Tickets nur noch auf dem Schwarzmarkt. Aufgrund der enormen Nachfrage hätte sie vermutlich auch eine deutlich größere Halle mit ihrem ersten Bühnenprogramm füllen können, aber der Erfolg dürfte sie wohl selbst überrascht haben. In der schier endlosen Schlange vorm Eingang hörte man bereits viele französische Stimmen, aber auch ein bisschen sächsisches Lokalkolorit war dabei und natürlich auch mehr oder minder muttersprachlich performtes Englisch. So divers wie der Sprachenteppich schien auch die Altersstruktur des Publikums: Neben lesbischen Teeniepärchen mit Kreuzberg-Attitude begegnete man adrett gekleideten Romanistik-Studierenden und weißgelockten Rentnerinnen mit Glitzer-T-Shirts und Rotkäppchen-Piccolo. Es war schlicht unmöglich, den typischen Zaho-de-Sagazan-Fan auszumachen, was wohl nicht zuletzt dem grenzüberschreitenden Charakter ihrer Musik geschuldet sein dürfte.

© Gregor Schuhen

Ihre Show eröffnet Zaho mit „La fontaine de sang“, dem Opener ihres Albums – so düster wie der Auftakt einer schwarzen Messe. Passend dazu trägt die Sängerin eine lange Bluse, die sie wie eine Messdienerin erscheinen lässt. Erst mit dem zweiten Song „Aspiration“ kommt langsam Leben in die Bude und das Publikum beginnt sich zu bewegen. Immer wieder nutzt Zaho Pausen zwischen ihren Liedern, um ein paar Anekdoten aus ihrem noch nicht allzu langen Leben zu erzählen, von ihrem ständigen Verliebtsein, ihrem Hang zu Tränen oder ihrer Leidenschaft für fremde Männer in der U-Bahn. Das Tempo ändert sich oft, mal bezaubert sie ihre Fans mit melancholischen Balladen, schaltet ihren Duettpartner Tom Odell per Telefon (natürlich analog!) dazu oder fordert ihr Publikum auf Deutsch im gleichnamigen Song dazu auf, Sex mit ihr zu haben. Ihre brave Bluse hat sie da schon längst von sich geworfen und verbringt den Rest des Abends im Radler-Outfit, das längst zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Emotionaler Höhepunkt des Abends ist sicher ihr in Frankreich größter Hit, der Titelsong ihres Albums „La symphonie des éclairs“. Das Leipziger Publikum erweist sich als erstaunlich textsicher und singt gemeinsam mit ihr immer wieder den Refrain über Vögel, die ihre Bahnen unterhalb eines Gewitters ziehen. Das Hauptprogramm mündet schließlich in einen rund 20-minütigen Rave, der dem Ort des Geschehens sogleich den Geist der 90er einhaucht und die Besucher in regelrechte Ekstase versetzt. Zaho mischt sich dabei unter ihre Fans und tanzt mit ihnen so ausgelassen, als ob es kein Morgen gäbe. Wo sie die Energie hernimmt, danach noch zwei Zugaben zum Besten zu geben, bleibt schleierhaft. Diese beiden Zugaben sind die einzigen Coversongs des Abends, erst Nenas Gassenhauer „99 Luftballons“ und am Ende David Bowies „Modern Love“, das sie bereits im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes performt hatte.

Der Abend war in jeder Hinsicht ein denkwürdiger. Natürlich ist Zaho de Sagazan mit ihren 25 Jahren noch eine sehr junge Frau, dennoch fragt man sich permanent: Wo hat sie nur all diese Wucht her? Man fragt sich auch, wie sie es mit ihrer ungewöhnlichen Musik schafft, ein solches Festival der Diversität zu initiieren, das man wohl als den Alptraum Donald Trumps bezeichnen muss. Man fragt sich nicht zuletzt, wie sie es trotz ihrem Alter hinkriegt, eine solche Vollblut-Performance hinzulegen, so als ob sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht hätte. Und neben all diesen Fragen wünscht man sich schließlich, dass sie es schafft, inmitten des hart umkämpften Show Business diese Energie nicht allzu schnell wieder zu verlieren. Man wünscht ihr eine lange Karriere, denn die hat sie sich wahrlich verdient. Wir wollen noch sehr viele letzte Zigaretten mit ihr rauchen.   

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